Meine Erfahrung mit Freiwilligenarbeit 

 

Disclaimer: Mit diesem Text will ich nicht darauf hinweisen, wie super toll ich bin, dass ich schon so viele Dinge getan habe - ich gewinne ja selbst unendlich viel daraus. Helfen macht nachweislich deutlich glücklicher, dieses Wissen hat mir bisher bei meinen mentalen Struggles geholfen. Genauso wenig möchte ich dir mit diesem Text ein schlechtes Gewissen machen, wenn du dich bisher noch wenig oder gar nicht damit beschäftigt hast, was du für die Allgemeinheit einbringen kannst und möchtest. Ich habe selbst die letzten Jahre viele Infos zu dem Thema gesucht und ein Text wie dieser hätte mir wohl Inspiration gegeben, wie man ins Tun kommen kann. Vielleicht hilft er dir ja dabei herauszufinden, was du gerne einbringen, lernen, oder wen du kennenlernen möchtest. :D 

In meiner Jugend war ich, je nachdem wen man fragt, rebellisch oder faul. In der Schule habe ich immer das Minimum an Anwesenheit und Aufwand erfüllt, weil ich den Sinn nicht gesehen habe, mich darüber hinaus anzustrengen. Ganz nach dem Motto: 4 gewinnt. Meine Prioritäten lagen klar auf dem Knüpfen von sozialen Kontakten - nicht verwunderlich, wenn man mit 13 in ein anderes Bundesland zieht und in eine seit 3 Jahren bestehende Klassengemeinschaft geworfen wird. In dieser Zeit war Freiwilligenarbeit also noch kein Thema, das mich beschäftigt hat und ich hab mich nie freiwillig für etwas gemeldet, weil ich selbst das Bild von mir hatte, dass ich zu faul für jeglichen Mehraufwand wäre. 


Als ich dann 2015 zum Studieren zurück nach Wien gezogen bin, kaum jemanden gekannt habe und die ersten Wochen an der Wirtschaftsuni (WU) gezeigt haben, dass ich zu schüchtern war, um andere anzusprechen, sah ich einen Flyer für das Lernbuddy Programm der WU. Das Ziel dieses Programmes ist es, Studierende mit Kindern und Jugendlichen zu matchen, die sich Nachhilfe in der Schule aber auch eine Bezugsperson wünschen. Zu diesem Zeitpunkt war ich selbst noch sehr genervt von der Schule, also war es mir ein Anliegen, Jugendlichen dabei zu helfen, im Alltag klarzukommen. Der andere wichtige Faktor für mich war, bei diesem Programm andere Studierende der WU kennenzulernen, die auch Interesse an neuen Freundschaften haben. Zu Beginn war ich sehr aufgeregt, weil ich das erste Mal etwas ehrenamtliches gemacht habe. Mich beschäftigten Gedanken wie: “Wer bin ich schon, dass ich eine Mentorin sein kann?”. 


Wir vergessen sehr gerne, wie weit wir selbst schon gekommen sind und wie viel wir schon gelernt haben. Im ständigen Vergleich mit anderen, die wir dabei oft auf ein unrealistisches Podest stellen, übersehen wir, welcher Vergleich so viel aussagekräftiger wäre: der Vergleich mit uns selbst: “Wie habe ich mich seit letztem Jahr, Monat, gestern entwickelt? Und wo will ich mich hinentwickeln?” Da wir nicht in andere reinschauen können und wir alle unsere eigene Geschwindigkeit, Erfahrungen und einzigartigen Weg haben, ist jeder Vergleich mit anderen eine schlechte Idee. 


Beim Lernbuddy Programm habe ich viel fürs Leben dazugelernt und - was mir in dem Moment noch viel wichtiger war - erste Verbündete an der WU gefunden. Ein Kollege, mit dem ich mich gut verstand, sprach mich dann irgendwann darauf an, dass er jedes Jahr in einem Feriencamp Jugendliche betreut und fragte mich, ob ich nicht auch daran Interesse hätte, als Betreuerin mitzufahren. Ich hab mich im ersten Moment sehr geschmeichelt gefühlt, dass ich gefragt wurde, ob ich eine so verantwortungsvolle Aufgabe übernehmen möchte und hätte am liebsten sofort zugesagt. Doch wieder meldete sich mein Kopf: “Ich war doch selber nie in einem Feriencamp. Wer bin ich schon, dass ich mich da jetzt Betreuerin nennen darf?”. 


Im Endeffekt habe ich dann aber zum Glück auf mein Können oder eher meine Lernfähigkeit vertraut und war die nächsten beiden Sommer je 4 Wochen beim Ferienhort am Wolfgangsee und habe dort mit 2 anderen Betreuerinnen 40 Mädchen im Alter von 13-15 Jahren betreut. In dieser Zeit hatte ich unglaublich viel Spaß, bin an meine körperlichen Grenzen gekommen, wurde deutlich selbstbewusster und habe gelernt lauter zu Reden. Mir wurde bis dahin oft, als ich gesprochen habe, gesagt, dass ich das Gesagte wiederholen solle, da ich so leise rede - was dazu geführt hat, dass ich dann oft lieder nichts gesagt habe. Neben vielen anderen Dingen lernt man aber beim Betreuen von so vielen Jugendlichen vor allem LAUTES REDEN. In dieser Zeit habe ich wieder so viele so tolle Leute kennengelernt und Erfahrungen gesammelt. 


Als nach dem ereignisreichen Sommer die Uni wieder losging, lernte ich in einem Kurs Johanna kennen, die sich in der Studierendenvertretung (ÖH) engagierte. Sie erzählte mir davon, wie die ÖH organisiert ist und, dass es viele verschiedene Teams gibt, in die man sich je nach Interessen einbringen kann. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich dann schon das Selbstbild, dass ich viel schaffen und beitragen kann und startete voller Freude und Elan im Umweltreferat und im Referat für Bildungspolitik (BiPol). Die meiste Zeit verbrachte ich mit BiPol Aufgaben wie der Beratung von Studierenden, die ähnliche Struggles wie ich selbst hatten, oder dem Halten von Info-Vorträgen. Vom Umweltreferat aus haben wir Movie Nights zum Thema Nachhaltigkeit und verschiedene Sammelaktionen organisiert.  


Die ÖH wird in Österreich von den Studierenden gewählt. Es haben sich also, ähnlich wie die Parteien in der Gesellschaftspolitik, Fraktionen gebildet, die verschiedene Standpunkte vertreten und alle 2 Jahre wird neu gewählt, welche Fraktion die Studierenden vertreten soll. Das bedeutete für uns ein Semester mit vollem Wahlkampf (Spoileralert: in diesem Semester habe ich keinen einzigen Uni-Kurs absolviert). Diese Zeit war auch wieder unglaublich körperlich anstrengend für mich, weil ich damals noch nicht gelernt habe Nein zu sagen und Grenzen zu setzen. Anders als bei bezahlten Jobs, bei denen man eine gewisse Anzahl an Stunden leisten muss, ist es bei der Freiwilligenarbeit oft schwer abzuwägen, wie viel man selbst gerade leisten kann und möchte. Schließlich brennt man meistens für das Thema, für das man sich engagiert, da kann Abschalten eine echte Herausforderung sein. 


Der Wahlkampf war eine ziemlich verrückte Zeit für mich. Ich durfte das erste Mal ein Team leiten und war für die Aktionen, die wir am Campus veranstalteten, zuständig. Die Wahlplakate am Campus waren ein wichtiger Teil unserer Kampagne - das Problem war hierbei, dass unsere Plakate jede Nacht beschmiert wurden und wir jeden Morgen ab 5 neu plakatieren gegangen sind, damit wieder alles gut aussieht, wenn ab 8 die Studierenden eintrudeln. Es gab oft Streitereien mit den anderen Fraktionen, was ich echt schade fand. Damals habe ich auch noch nicht verstanden, wieso nicht einfach alle glücklich zusammenarbeiten und es gut sein lassen können. Während es Fraktionen gab, die auch gesellschaftspolitische Themen in ihren Kampagnen verankerten, betonten wir als Fraktion Aktionsgemeinschaft (AG), dass wir uns rein für mehr Qualität im Studium einsetzen und das nichts mit der Welt außerhalb der Uni zu tun hat. Das hat für mich damals viel Sinn gemacht, da die Studierenden sich an die ÖH wenden, weil sie Probleme im Uni-Kontext haben und dieses Wissen unsere Kernkompetenz war. Mittlerweile verstehe ich aber auch den Ansatz, gesellschaftspolitische Themen aufzugreifen, weil man als ÖH eine riesige Plattform hat und damit viele Menschen erreichen kann. 

Wir haben den Wahlkampf mit einer absoluten Mehrheit gewonnen, was bedeutete, dass wir unsere Arbeit in der ÖH weiterführen durften. Ich wurde die neue Obfrau der AG und war im Vorstandsteam der ÖH als stellvertretende Vorsitzende. Während dieser Zeit habe ich gelernt ein Team zu führen, Großevents zu organisieren, On- und Offline Marketingmaßnahmen zu koordinieren und mit Vertreter:innen der Uni zu verhandeln. Zu dieser Zeit habe ich auch erstmals gesehen, wie cool und hilfreich Lernen und Weiterbildung sein kann, weil wir auch Strategie Workshops, Rhetorik Coachings und Zeitmanagement Trainings hatten. 


Nach einer intensiven, lehrreichen Zeit habe ich mich dann entschieden, mein Studium zu absolvieren und mich größtenteils aus der ÖH zurückzuziehen. Während dem Studium habe ich immer Teilzeit gearbeitet (auch hier hab ich wieder eeeiniges ausprobiert). Erst nach meinem Bachelor Abschluss habe ich gemerkt, wie anstrengend 40 Stunden-Wochen in einem Job sind. Die Umstellung war echt nicht ohne, also hatte ich zu diesem Zeitpunkt keine Kraft und kein Bedürfnis, mich daneben noch nach anderen Aktivitäten umzusehen. Mein Fokus lag zum ersten Mal bewusst auf mir und ich habe mich mit meinen Interessen und Bedürfnissen beschäftigt. 


Als ich ein Jahr später mein Masterstudium begann, hatte ich in der Zwischenzeit für mich herausgefunden, dass ich für die Themen Nachhaltigkeit und Feminismus brenne (hier erkläre ich, wie die beiden Themen zusammenspielen). Da ich zu diesem Zeitpunkt keine Freund:innen hatte, die meine Begeisterung teilten, habe ich mich oft alleine gefühlt mit diesem Gefühl, dass ich gerne etwas beitragen möchte und wusste auch gar nicht, wie ich das anstellen soll. Als ich mich nach Monaten des Herumüberlegens dazu durchgerungen habe etwas in die Richtung von „Frauennetzwerk Wien“ zu googlen sah ich, dass beim Verein WoMentor, dessen Ziel es ist, Frauen im Berufsleben zu empowern, Freiwillige gesucht wurden. 

Wenig später habe ich mich bei WoMentor dann als Eventmanagerin eingebracht. Wir haben uns als neues Team organisiert, Ideen und Formate entwickelt und uns vor allem gegenseitig auf unseren Wegen unterstützt. Ende 2021 haben wir dann mit der Planung unseres bisher größten Events im Mai 2022 begonnen. Es war ein aufwändiges halbes Jahr. Es gab viel zu organisieren, aber durch das gemeinsame Ziel und unsere gleichen Werte waren wir unglaublich motiviert dabei. Es war überwältigend, wie toll das Event dann geworden ist! Das Thema “Zusammenarbeit statt Konkurrenz” ist überall mitgeschwungen und wir hatten so so tolle Besucher:innen, Speaker:innen und Gespräche beim Networking danach. Mein persönliches Highlight war, dass ich die Moderation bei dem Event größtenteils übernehmen durfte. Das war wieder eine neue Erfahrung, die ich machen durfte und, die mir zeigte was ich gerne tue. 

Der Spagat zwischen Engagement und Arbeit wurde für mich immer schwieriger. Das lag auch daran, dass ich in den letzten Monaten meines Masterstudiums wieder eine neue Ausbildung angefangen habe (was echt lustig ist, weil ich mir nach meiner Erfahrung in der Schule niemals gedacht hätte, dass ich freiwillig so viel lernen wollen würde). Als ich dann Corona hatte und 10 Tage alleine zuhause bleiben musste, wurde mir klar, wie lange ich schon im Dauerstress bin und dass das nicht so weitergehen kann. Ich habe daraufhin meine innere Logik mal wieder viel hinterfragt. Dabei habe ich dann erkannt, dass Engagement ein wesentlicher Teil meines Lebens ist und dass es ok ist, davon zu leben. Sobald ich das wusste, liefen die nächsten Schritte wieder wie automatisch - ich habe nach Marketing Jobs in NGOs gesucht und dabei habe ich meinen Traumjob in der für mich beeindruckendsten NGO, Greenpeace, gefunden. Das ist der erste Job, in dem ich mich wirklich wohl fühle und ich freue mich, mich hier aktivistisch einbringen zu dürfen. Somit wären wir im jetzt, im Sommer 2022, angekommen. 


Im Herbst steht wieder eine neue Erfahrung an. Durch die Organisation Big Brothers Big Sisters darf ich Mentorin für ein Mädchen sein. Meine liebste Art von Engagement kann man als Zeitspenden bezeichnen. Wenn du dir beim Lesen dieses Textes jetzt aber denkst “na toll, ich hab keine Zeit, die ich für etwas aufbringen möchte oder kann!” ist das total verständlich. Es gibt aber auch andere Möglichkeiten NGOs oder Vereine zu unterstützen: Geldspenden, Petitionen unterzeichnen oder anderen von ihnen zu erzählen. Vor allem Petitionen zu unterschreiben funktioniert easy und schnell online - ist zum Beispiel super, um sich die Wartezeit zu verkürzen. 


Wie du an meiner Geschichte sehen kannst, kann oder muss man sein Engagement nicht vorausplanen und ist auch nicht an eine Organisation für den Rest des Lebens gebunden (außer natürlich man möchte das). Am Anfang weiß man ja noch nicht was man genau einbringen oder lernen möchte. Man kann anderen nur helfen, wenn es einem selbst gut genug geht. Niemand hat etwas davon, wenn du dich aufopferst.  Engagement ist ein laufender Prozess und je nach Lebensphase hat man mal mehr oder weniger Kapazitäten dafür. Den Drang, die Welt zu verbessern, aufzugeben und die Welt zu verteufeln, wirkt kurzfristig vielleicht leichter, ist aber sicher nicht wohltuender. Und um zum Schluss noch den besten Highschool Musical Film zu zitieren: “We are all in this together!”  


Schreib mir gerne auf Instagram, was dieser Text bei dir ausgelöst hat! Was sind deine Erfahrungen oder Gedanken zu dem Thema? Wo siehst du deine Blockaden? Wo siehst du in der Welt Ungerechtigkeit, gegen die du etwas unternehmen möchtest? 

PS: Für alle Lesemäuse unter euch noch ein Buchtipp: Du kannst etwas verändern!