Entjungferung

 

Ein Wort, von dem viel  Druck ausgeht. Aber warum? 


Zum Einen gilt in manchen Kulturen das Reißen des Hymens, aka Jungfernhäutchen, als eine Art verifiziertes Qualitätssiegel. Dabei werden Mädchen und Frauen als bereits verdorben betrachtet, wenn bei der ersten Penetration kein Blut zu sehen ist. „Die hat sich wohl schon rumkriegen lassen“ - dabei haben nicht alle Frauen ein (stark ausgeprägtes) Hymen und auch wenn, muss es nicht reißen oder bluten. 
Interessant finde ich hierbei, dass dieses Blut erhofft oder sogar verlangt wird. Geht es jedoch um die Periode, die monatlich zu vielen weiblichen Körpern gehört, wird es als eklig gesehen und sowas sollte man doch bitte für sich behalten. 
 
Aber auch in westlichen Kulturen, die sich als weiter fortgeschritten und viel offener betrachten, ist das Thema der Entjungferung ein wichtiges: Wann ist es zu früh? Wann zu spät? Wie und mit wem soll dieser Meilenstein stattfinden? 

Die gesellschaftliche Antwort darauf?  Bei Männern: je früher desto besser - die sind ja potent und müssen ihren Trieben nachgehen.  Bei Frauen: es kann gerne später sein, sonst wäre sie ja eine Schlampe! Ein Spruch, der in diesem Zusammenhang gerne gebracht wird: „ein Schloss, das von jedem Schlüssel aufgesperrt werden kann, ist ein schlechtes Schloss, aber ein Schlüssel, der jedes Schloss aufsperrt, ist super.“ Dieser Spruch stammt offensichtlich von einem Menschen mit Penis. 
Ich habe diese Logik nie verstanden. Eine Vagina hat nichts bis sehr wenig mit einem Schloss und ein Penis ebenso viel mit einem Schlüssel gemein. Um die Absurdität dieses Beispiels zu verdeutlichen, gibt es den umgekehrten (ebenso falschen) Spruch „ein Spitzer, der jeden Stift spitzen kann, ist super, aber ein Stift, der oft gespitzt wird, ist bald nicht mehr brauchbar.
Denn Fakt ist, egal wie viele Sexualpartner:innen man hat oder wie oft man Sex hat: der Mensch verliert dadurch nicht an Wert.
 

Vor kurzem habe ich den Film „Valentinstag“ geschaut. Ein Film, der viele verschiedene romantische Storylines zeigt. Heterosexuelle, weiße Paare, ohne Behinderung (please do better, Hollywood) in verschiedenen Lebensabschnitten werden dabei gezeigt, wie sie den Valentinstag miteinander verbringen. Ein Paar davon ist in der High School und plant an diesem Tag ihr erstes Mal, damit es etwas ganz Besonderes ist.
 
Wenn es um das „erste Mal“ geht, ist in unserer Gesellschaft klar, dass es um penetrativen Sex geht und dieses Event was Besonderes sein soll. Ich habe nie verstanden, warum genau dieses Mal so viel besonderer sein muss als die danach, aber hab es auch nie groß hinterfragt. Genauer gesagt hatte ich nie die Wahl und diese Erinnerung wurde bei diesem seichten Film seit langem mal wieder getriggert. Heute bin ich bereit darüber zu berichten und hoffe, dass meine Geschichte jemanden erreicht, der dann weiß, dass sie/er nicht alleine damit ist und auch sonst zum Nachdenken anregt. 
 
Als ich 14 war, ist meine Familie aus Wien in die Südsteiermark gezogen. Als Teenager neu in eine Klasse zu kommen, die seit 3 Jahren in dieser Konstellation besteht, wurde durch Aussagen wie „Als wir gehört haben es kommt eine aus Wien zu uns, dachten wir sie wäre schön.“ nicht angenehmer. Außerhalb der Schule hatte ich zuerst „nur“ meine kleinen Schwestern als Freundinnen, mit denen ich den ganzen Tag lang Barbie gespielt habe. Für diese Zeit bin ich unglaublich dankbar. 
Der Wunsch, gleichaltrige Freund:innen in der neuen Stadt zu finden, wurde in der Zeit immer größer. Beim Eislaufen im Winter habe ich dann ein Mädchen kennengelernt, das meine Freundin wurde und mir ihren Freundeskreis vorstellte. Ich war so glücklich, endlich Anschluss zu finden und verbrachte von da an jede freie Minute mit ihnen.
Diese coole, unbeschwerte Zeit endete für mich aber wenige Monate später, als ein „guter Freund“ von mir 16 wurde und sich als Geschenk meine Jungfräulichkeit wünschte. Ich war geschockt und überfordert von seiner Forderung und versuchte nett aus der Situation herauszukommen. Immerhin wollte ich nicht ungut sein und ihn verärgern oder sogar meinen coolen neuen Freundeskreis verlieren. Nach einer gefühlten Ewigkeit setzte er dann seinen Willen durch und ich versuchte mich so gut als möglich abzulenken. Ich konzentrierte mich auf die Details, die ich an der Decke erkennen konnte, und irgendwann war es dann vorbei. Ich war enttäuscht, dass ich dieses sagenumwobene magische erste Mal nicht hatte, das ich laut den Medien doch hätte haben sollen.
Die Geschichte ging dann so weiter, dass ich es meiner Freundin im Vertrauen erzählte, die es dann im Freundeskreis herumerzählte. Da dieser Typ anscheinend zu der Zeit eine Freundin hatte, von der ich nichts wusste, behauptete er ich sei eine Lügnerin und da war ich auch schon wieder raus aus der Gang. Im Nachhinein wohl das beste was mir passieren konnte, denn das waren offensichtlich keine guten Freunde. 

Ich erholte mich von dem Erlebnis, indem ich es verdrängte. Ich fragte mich die nächsten 10 Jahre auch nie groß, ob ich denn überhaupt mit Menschen schlafen möchte. Ich tat es, wenn ich das Gefühl hatte, dass es angemessen wäre (was auch immer das heißen soll). 

Was ich damit sagen möchte ist, dass wir uns nicht unter Druck setzen sollten, wenn es um das erste Mal geht. Ja es ist wichtig. Jedes Mal, wenn wir uns dafür entscheiden andere Menschen so nahe an uns ranzulassen ist es wichtig, dass sich alle Beteiligten wohl damit fühlen und auch jederzeit die Möglichkeit haben ihre Bedürfnisse zu äußern und auch abzubrechen, sobald sie sich nicht mehr danach fühlen. Ganz nach dem Motto: No is a full sentence.

Unsere Entjungferung definiert uns nicht. Wir gewinnen oder verlieren dadurch nicht an Wert. Sie prägt uns wahrscheinlich, ja. Jede Situation, die wir erleben, prägt uns. 

Es ist völlig in Ordnung und sogar wichtig und richtig, nein zu sagen wenn wir etwas nicht wollen. Wir müssen niemals unsere eigenen Grenzen überschreiten, um jemandem einen Gefallen zu tun. Consent is sexy.